Den Helikopterlandeplatz braucht Rabe nicht

Eingetragen bei: Familie und Co., GEDACHTES | 8

In der Regel bin ich ja ein sehr direkter Mensch, ich spreche aus was ich denke. Nicht immer gefällt jedem was ich denke und das Thema welches mir heute am Herzen brennt ist überaus lagerteilend.

Eine Bring- und Holzone für die Schule

Ab dieser Woche gibt es vor unserer Grundschule eine Bring- und Holzone oder auch einen Helikopterlandeplatz, wie ich ihn liebevoll zu nennen pflege (hier haben sensible Gemüter die Möglichkeit auszusteigen, es wird noch direkter). Die Einführung dieser Zone ist nicht sinnfrei und wohl durchdacht. Versteht mich also nicht falsch, leider ergibt sie wirklich Sinn, ich bin pro Helikopterlandeplatz. Mich stört also nicht die Einrichtung als solche, sondern mir stößt der Grund der Notwendigkeit gehörig auf.

Damals war alles besser

Früher, also jetzt nicht in meiner Jugend (das war ja Steinzeit, ich habe ein Pubertier welches mich das des Öfteren wissen läßt), sondern früher in der Grundschulzeit vom Maximann, war alles noch ganz anders. Das ganze ist nun aber knapp 8 Jahre her, fast ein Jahrzehnt und ja, da tut sich doch allerhand. Die Autos wurden in diesen 8 Jahren viel schneller und der Verkehrt nahm durch die Tatsache, das Frauen nun auch arbeiten dürfen und Autofahren tragisch zu. Das neue Internet sorgte für mehr organisiertes Verbrechen am Land und der Regen ist mittlerweile so sauer, dass man Kinder bei Regenwetter unmöglich noch zu Fuß vor die Tür lassen darf. Wer an dieser Stelle einen Hauch von Polemik wahrnimmt, I´m sorry, früher war ich mal nur sarkastisch, aber 8 Jahre, ACHT! Sowas prägt. 😉

Die Gefahr lauert überall

Wo war ich also, ach ja, die heutige Situation läßt es einfach nicht zu, dass man Kinder unter 12 Jahren allein an die Natur läßt. Der Schulweg zu Fuß ist für Kinder eine fast unzumutbare Untat, die gesellschaftlich vollends abgelehnt wird. Eltern die ihre Kinder allein raus lassen können nur Rabeneltern sein. Die Argumente dafür sind felsenfest. Der Verkehr vor den Schulen ist mittlerweile einfach zu groß…

Schweigeminute mit kurzer, denk mal drüber nach Pause!

Hier fragt man sich WOHER nur kommt das? Warum sind plötzlich vor den Schulen so viele Autos? Der Illusionist in mir sagt, die regnen einfach so vom Himmel, keiner weiß genau woher sie kommen. Die sind plötzlich um 8 Uhr morgens einfach da. Dagegen kann man nichts machen. Mein logisch denkendes Ich (hier bin ich immer dankbar für meine gespaltene Persönlichkeit) lacht laut und sagt: „Problem á la Hausgebacken!“ Klar wenn alle, die eigentlich nur 500m zur Schule hätten „nur mal eben“ gefahren werden, weil es ja sicherer für die Kinder ist, dann ist ganz schön was los im Kuhdorf. Würden aber alle Fußkinder einfach mal wieder zu Fuß gehen, dann wäre gar nicht mehr soviel los vor der Schule. Ein Dilemma!

 

Wären alle Probleme so einfach zu lösen

Man könnte dieses Sicherheitsproblem also ganz einfach lösen: Laßt die Brut zu Fuß gehen! Das schadet ihnen nicht und bekanntlich tut ein wenig Sauerstoff dem Hirn ganz gut und ein gut funktionierendes Gehirn in der Schule soll ja mit unter ganz praktische Auswirkungen haben. Wäre da aber nicht der Zeitfaktor. Natürlich, ich hätte beinahe die Zeit vergessen. Denn, es spart wirklich enorm Zeit wenn die Kinder gefahren werden. Da stellt sich nur die Fragen, wem ist hier geholfen. Der Mutter als solches erspart es keine Zeit, wenn sie morgens ihr Kind zu Schule fährt, im Gegenteil rechnet man den Umweg, das ich muss aus dem Auto steigen um meinen 10 jährigen in den Ranzen zu helfen, Burstgurt, Bauchgurt (5m Schulweg können enorme Rückenprobleme verursachen) und Mundwinkel sauber machen nicht vergessen, das kostet Zeit. Viel mehr als ein herzliches Tschüss an der Haustür.

Taxi Mama 24/7

Eigentlich raubt uns das Bringen also eher Zeit, als das es uns welche schenken würde, wenn denn alles so läuft wie es laufen soll. Tut es aber natürlich nicht, denn Ottonormalkind von heute ist den Taxidienst längst gewohnt. Wer läuft schon, wenn er gebracht werden kann? Da nimmt so manch Sproß die peinliche Verabschiedung unmittelbar vorm Klassenzimmer durch das treusorgende Muttertier schweigend hin. Gelacht, sagt ihr jetzt. Die Mütter gehen doch nicht mit in die Klasse. Doch, das tun sie. Vor unserer Schultür hängt ein Schild, welches den Eltern vermittelt, dass das Kind es ab hier alleine schafft. Ein diplomatisches „Wir müssen draußen bleiben“ Schild für Eltern quasi. Und wir wissen, Schilder werden selten einfach so grundlos aufgehangen.

Warum nun also?

Die große Frage die im Raum schwebt und auf die ich einfach keine Antwort zu finden mag ist also WARUM? Was ist passiert, dass wir Eltern unseren Kindern so grundlegende Dinge wie den Schulweg nicht mehr zumuten wollen? Zumal, und jetzt Hand aufs Herz, der Schulweg war doch früher das schönste an der ganzen Schule. Das zanken mit den Jungs, das Austauschen von Geheimnissen mit der Besten, noch mal eben am Kiosk vorbei, Kleinigkeit einkaufen mit den zusammengekratzten16 Cent. Ob wir als Kinder am Schulweg immer alles vorbildlich und richtig gemacht haben? Nein verdammt! Wir haben Fehler gemacht (Scheiße gebaut), aus denen wir gelernt haben es beim nächsten Mal anders zu machen (vielleicht haben wir auch beim 2. Versuch noch nicht alles richtig gemacht). Wir haben gelernt Probleme selbstständig zu lösen, irgendwie (zur Optimierung der Lösung hat man ja zum Glück sein Leben lang Zeit).

Allein der Gedanke, wie es gewesen sein hätte müssen, wenn meine Mutter immer über mir geschwebt hätte, mir immer gesagt hätte wie ich es „richtig“ machen muss (richtig ist hier immer der Weg, denn das Elterntier einschlägt, alle Abweichungen sind tabu). Dieser Gedanke treibt mir ein beklemmendes Gefühl in die Brust. Ich wäre wohl wahnsinnig geworden, also noch mehr also ohnehin. Und am Ende bleibt die Frage, welcher Mensch wäre aus mir geworden, hätte ich nicht einfach ich sein dürfen?

Ob ich nun also denke das dieser Beitrag irgend etwas ändern könnte? Nein sicher nicht, mir ist längst klar, das sich die Welt nicht durch einen einzigen ändern läßt und das es eben viele Meinungen gibt neben meiner. Aber das nächste mal, lieber Heliflieger, wenn du am Straßenrand einem meiner Söhne siehst, um deinen Landeplatz anzufliegen, an dem wir Fußgänger früher noch ungestört über die Straße gehen durften, sei gewiss die Kinder von „Rabeneltern“ sind im Grunde nie allein sondern haben nur die etwas längere Leine (an dieser Stelle darf der Erziehungsstil der Raben gerne gegoogelt werden, denn dieser ist längst nicht so schlecht wie sein Ruf).

 

Herzlichst Manuela

 

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8 Antworten

  1. doroskinderreich

    Haha, cool geschrieben! Ich stimme dir in allem voll und ganz zu!
    Liebe Grüße
    Doro

    • M. Thiemig

      Liebe Doro,
      da bin ich erleichtert, dass ich mit der Meinung nicht ganz alleine stehe.

      Viele Grüße
      Manuela

  2. Es ist doch immer wieder schön, von Eltern zu lesen oder zu hören, die genauso denken, wie man selbst! Man bekommt ja wirklich ein schlechtes Gewissen zwischen lauter Helikoptern, wenn man sein Kind mal hinter einem Haus verschwinden lässt…!
    Danke!

    • M. Thiemig

      Liebe Kathrin,
      ich fürchte genau das ist eines der Probleme, dass viele Eltern mittlerweile solchen Druck von außen bekommen und glauben/fürchten man müsste ein schlechtes Gewissen haben, wenn man Kinder „alleine“ läßt. Dabei ist das loslassen und vertrauen doch oft die viel härtere Aufgabe, als das an die Leine nehmen. Aber es lohnt sich, ich kann es nur jedem an Herz legen, es mal zu versuchen.

      Viele Grüße
      Manuela

  3. Wunderbar zu wissen, dass es irgendwo da draußen doch auch noch andere Rabeneltern gibt, die für ihre Kinder Selbstständigkeit und damit einhergehendes Selbstbewusst sein gut, wichtig und richtig finden!
    Mit schwarzen Grüßen,
    Cordelia

    • M. Thiemig

      Liebe Cordelia,

      wir sind sicher mittlerweile die Minderheit, aber es gibt uns! 😉

      Viele Grüße

  4. Toller Post! Da würde man bestimmt noch mehr Themen finden….
    LG Judy

    • M. Thiemig

      Hallo Judy,

      ja auf jeden Fall. Diese angehende Ängstlichkeit spiegelt sich in sehr vielen Situationen wieder. Es ist fast ein wenig „beängstigent“… 😆

      Viele Grüße

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